Es gibt eine Art von Bekanntschaft, die nur Hundehalter wirklich verstehen. Man sieht sich regelmässig. Man grüsst. Man kennt ungefähr die Uhrzeit, die Route und die Stimmung des Hundes. Man weiss, wer bei Regen nur das Nötigste erledigt. Den Hund kennt man natürlich. Bella, Benji, Luna, Milo. Namen, Charaktere, Marotten. Alles gespeichert. Der Mensch dazu? Schwieriger. Bella und Anhang. Benji und Besitzer. Den Dackel Zorro mit der Frau in der roten Jacke. Und den Labrador, der aussieht, als hätte er gerade eine Gemeinderatswahl gewonnen. Der Labrador heisst Viktor. Sein Mensch heisst Harry. Ich habe erstaunlich lange gebraucht, um das auseinanderzuhalten. Viktor tut bei jeder Begegnung so, als hätte er Leilani seit Jahren nicht gesehen, obwohl sie ihn vorgestern erst mit königlicher Gleichgültigkeit ignoriert hat. Mein Hirn hatte irgendwann entschieden, dass ein Mensch, der einen Viktor spazierenführt, logischerweise selber Viktor heissen muss. Tut er nicht. Er heisst Harry. Keine komplizierte Information. Ich musste sie trotzdem abspeichern wie ein Passwort, das man jedes Mal falsch eintippt. Viktor Hund. Harry Mensch. Nicht umgekehrt. Am Anfang könnte man ja fragen. «Wie heisst du eigentlich?» Zwei Sätze, erledigt. Aber genau dann finden beide Hunde an derselben Ecke etwas Wichtiges heraus, und plötzlich sind drei Monate vorbei, dann ein Jahr, und das Zeitfenster ist zu. Übrig bleibt die eleganteste Erfindung der schweizerdeutschen Sprache: «Hoi, zäme.» Funktioniert immer. Meistens. Leilani hat mir Kilchberg vorgestellt. Nicht mit Gemeindebroschüre und Willkommensapéro, sondern indem sie stehen blieb. Ein Ort wird ja nicht Zuhause, weil man dort Möbel abstellt. See, Grün, Schoggi-Duft, alles sehr ordentlich – und trotzdem lange sehr fremd. Angekommen bin ich nicht wegen der Aussicht, sondern wegen der Umwege, die nur ein Hund für sinnvoll hält. Sie hielt, wo ich vorbeigelaufen wäre. Und dort stand dann jemand. Tief sind diese Gespräche selten. «Jööö, wie heisst sie?» Und mein Klassiker: «Bisst sie?» Worauf ich innerlich jedes Mal antworte: «Mich nicht.» Laut sage ich das nie. Meistens. Dafür lernt man Menschen in einer Reihenfolge kennen, die es sonst nirgends gibt. Zuerst den Hund. Dann die Macken des Hundes. Dann irgendwann den Menschen. Eine Frau fragt seit Jahren zuverlässig, ob Leilani heute schon ihr Käsebröckli bekommen hat. Ein Mann ohne eigenen Hund bleibt trotzdem jedes Mal stehen, weil Leilani ihn offenbar in die Kategorie «akzeptabler Mensch» einsortiert hat. Wie die beiden heissen, weiss ich nicht. Dabei ist Leilani keine soziale Mitarbeiterin mit Fell. Kein beige-brauner Beziehungsratgeber auf vier Pfoten. Sie geht raus und ist Leilani. Das reicht offenbar. Irgendwann ruft jeder von weitem diesen einen Satz: «Meiner ist manchmal ein bisschen speziell.» Das kann alles bedeuten. Er bellt. Er springt. Er hasst Skateboards. Er findet kleine Hunde suspekt. Er ist eigentlich lieb, aber. Dieses «aber» trägt in der Hundewelt sehr viel Verantwortung. Am ehrlichsten wird es, wenn nichts mehr zu retten ist. Zwei verhedderte Leinen. Zwei Menschen, die entspannt aussehen wollen und es nicht sind. Leilani, die sich ausgerechnet dort auf den Rücken wirft, wo gerade alle möglichst würdevoll vorbeigehen wollten. Oder der Moment, in dem man merkt, dass man kein Kotsäckli mehr dabeihat: «Entschuldigung, hätten Sie vielleicht ein Säckli?» Da ist keine Distanz mehr. Da sind zwei Menschen, ein Problem und ein Haufen Realität. Vielleicht ist es genau das. Mit Hund ist man langsamer und schlechter angezogen als geplant. Man steht im Regen, in schlechter Laune, mit halb offenem Mantel, während der eigene Hund einen Grashalm zu Ende denkt – und ist trotzdem zu spät. Das verbindet nicht unbedingt tief. Aber es verbindet. «Ah, ihr auch wieder unterwegs?» Ja. Wir auch. Wieder draussen. Ich weiss bis heute nicht, wie die Frau in der roten Jacke heisst. Aber Zorro mag keine Rüden, nimmt gerne Känguru-Bits und hat abends deutlich mehr Meinung als morgens. Und Harry heisst Harry, der Mensch. Das habe ich jetzt.Dies ist die fünfte Kolumne von Benny Reinhold über das Leben mit seinem Hund Leilani. Hier finden Sie die erste, die zweite, die dritte und die vierte Kolumne.