Es gibt Sätze, bei denen spüre ich sofort, wie innerlich irgendwo ein Schild hochklappt. «Alle Hunde gehören an die Leine.» Klingt erst mal vernünftig. Sicher. Kontrolliert. Nach Ordnung. Und ja: Ich verstehe, woher dieser Satz kommt. Es gibt Hunde, die jagen. Hunde, die nicht abrufbar sind. Hunde, die auf Menschen zurennen, andere Hunde bedrängen oder durch den Wald pflügen, als hätten sie gerade die Rechte an der Natur gekauft. Ich bin für Rücksicht. Ich bin für Wildschutz. Ich bin für Respekt gegenüber Menschen, Kindern, Joggern, Velofahrern und anderen Hunden. Aber ich bin gegen die Illusion, dass eine Leine automatisch Verantwortung ersetzt. Denn ein Hund an der Leine kann trotzdem unkontrolliert, distanzlos und gefährlich sein. Und ein Hund ohne Leine kann hervorragend geführt sein. Das Problem ist selten der Meter Stoff zwischen Mensch und Hund. Das Problem ist oft das, was am anderen Ende passiert. Wenn jemand mit 100 durch eine 30er-Zone rast, im November noch mit Sommerreifen unterwegs ist und dabei halb Kilchberg zum Ausweichen zwingt, kommt auch niemand auf die Idee, Autos von Oktober bis Ostern grundsätzlich zu verbieten. Man bestraft den, der sich nicht im Griff hat. Nicht alle, die verantwortungsvoll fahren. Genau so sollte es bei Hunden sein. Wer seinen Hund nicht kontrollieren kann, wer Wild jagt, Menschen belästigt oder andere Hunde bedrängt, muss Konsequenzen spüren. Hart. Klar. Ohne Ausreden. Aber wer seinen Hund zuverlässig führt, auf den Wegen bleibt und Rücksicht nimmt, sollte nicht automatisch mit denen in einen Topf geworfen werden, die es versauen. Die meisten Hundehalter, die ich kenne, bewegen sich respektvoll. Sie bleiben auf Wegen, lesen ihre Hunde, nehmen Rücksicht, rufen frühzeitig ab oder leinen an, wenn es nötig ist. Und dann gibt es die anderen. Die, die «Der macht nichts» rufen, während ihr Hund längst alles macht. Die, die ihren Hund nicht lesen können. Oder nicht wollen. Die, die Wildtiere, Kinder, Jogger und andere Hunde zu unbezahlten Trainingsteilnehmern erklären. Diese Menschen sind das Problem. Nicht der Hund. Und auch nicht automatisch die fehlende Leine. Leilani läuft frei. Immer. Aber nicht führungslos. Sie bleibt in meiner Nähe. Sie kennt «Achtung». Sie kennt «Da bleiben». Sie kennt Rückruf. Und vor allem kennt sie eine Regel, die wichtiger ist als jedes Kommando: Wir nehmen Rücksicht. Wenn Wild sichtbar ist, wenn Wege eng sind, wenn Menschen unsicher wirken oder wenn eine Situation unklar ist, dann wird geführt. Punkt. Freiheit bedeutet nicht, dass der Hund machen darf, was er will. Freiheit bedeutet, dass er gelernt hat, was Verantwortung ist. Und das gilt nicht nur für Leilani. Auch bei meinen Dogsitting-Hunden lasse ich niemanden ins Dickicht des Waldes verschwinden. Wenn ein Hund nicht zuverlässig abrufbar ist oder jagdlich zu stark reagiert, bleibt er an der Leine. Punkt. Nicht aus Prinzip. Sondern aus Respekt. Aber genau darum geht es: Man muss unterscheiden können. Zwischen einem Hund, der frei läuft, aber geführt ist. Und einem Hund, der an der Leine hängt, aber innerlich längst auf Weltreise ist. Zwischen Freiheit und Fahrlässigkeit. Zwischen Vertrauen und Gleichgültigkeit. Was mich an pauschalen Regeln stört, ist nicht der Gedanke dahinter. Wildtiere schützen? Absolut. Rücksicht im Wald? Selbstverständlich. Hundehalter in die Verantwortung nehmen? Bitte sofort. Was mich stört, ist die Einseitigkeit. Denn wenn während sensibler Zeiten hundert Kinder eines Waldkindergartens laut kreuz und quer durch den Wald ziehen, frage ich mich schon, ob ein ruhig auf dem Weg laufender Hund wirklich das Kernproblem ist. Wenn alle paar hundert Meter eine Feuerstelle steht und diese rege genutzt wird, frage ich mich ebenfalls, wie konsequent wir eigentlich über Wildschutz sprechen. Feuer. Rauch. Lärm. Das Reh denkt ja nicht: «Oh, gemütlich, da hole ich mir mal eine Cervelat.» Es verschwindet. Und wenn dann im Juni direkt am Waldrand die Zürcher Mörserschützen auf der Allmend Brunau loslegen, während jeder nicht angeleinte Hund eine Busse riskieren würde, wird es endgültig absurd. Krieg spielen für den Wildschutz? Das klingt vielleicht überspitzt. Aber manchmal braucht es genau diese Überspitzung, um zu merken, wo die Diskussion schief hängt. Denn wenn wir wirklich über Rücksicht sprechen wollen, dann müssen wir über alle sprechen. Nicht nur über Hunde. Über Menschen, die Wege verlassen. Über Lärm. Über Feuer. Über Müll. Über Freizeitverhalten im Wald. Über Hundehalter, ja. Aber eben nicht nur über sie. Die Leine ist sichtbar. Deshalb lässt sie sich leicht kontrollieren. Verantwortung ist unsichtbar. Deshalb ist sie schwieriger. Vielleicht reden wir deshalb so gerne über Leinen. Weil sie einfacher sind als Erziehung. Einfacher als Aufmerksamkeit. Einfacher als die Frage, ob ein Mensch seinen Hund wirklich führen kann. Ich habe nichts gegen Leinen. Im Gegenteil. Ich habe genug davon – farblich passend, versteht sich. Bei mir hängen sie meistens um den Hals und sehen wahrscheinlich mehr nach Accessoire aus als nach Notfallplan. Aber eine Leine allein macht noch keinen verantwortungsvollen Hundehalter. Sie kann sichern. Sie kann helfen. Sie kann notwendig sein. Aber sie kann nicht denken. Das muss der Mensch tun. Und genau da beginnt für mich die eigentliche Diskussion. Nicht: Leine oder keine Leine? Sondern: Wer trägt hier wirklich Verantwortung? Ein freier Hund braucht mehr Führung, nicht weniger. Er braucht einen Menschen, der vorausschauend handelt, Situationen liest, früh reagiert und im Zweifel verzichtet. Auch dann, wenn es eigentlich funktionieren würde. Denn Rücksicht zeigt sich nicht dann, wenn alles einfach ist. Sondern dann, wenn man bereit ist, den eigenen Anspruch kurz hinten anzustellen. Die Leine kann man einklicken. Verantwortung muss man tragen. Zu dieser Kolumne Dies ist die dritte Kolumne über Benny Reinholds Leben mit Leilani (die erste finden Sie hier, die zweite hier). Reinhold ist Autor, Trauredner und Unternehmer. Neben seiner Tätigkeit als Trauredner führt er ein Dogsitting-Unternehmen und entwickelt unter eigener Marke natürliche Hundeleckerli – reduziert auf das Wesentliche, ohne Kompromisse.Als Kursleiter des Projekts «Kids meet Dogs» setzt er sich dafür ein, Kindern einen respektvollen und sicheren Umgang mit Hunden zu vermitteln. Auch lokal ist er engagiert – als Vorstandsmitglied der Unternehmervereinigung Kilchberg.Gemeinsam mit seiner Hündin Leilani war er unter anderem in der Fernsehsendung «Top Dog Germany» zu sehen.