Die meisten denken, Vertrauen entsteht draussen. Im Wald. Auf weiten Wegen. Dort, wo nichts passiert. Bei uns war es anders. Ich habe früh gelernt, wie man einen Hund «richtig» führt. Wir waren das Streber-Team in der Welpengruppe. Fuss gehen, Leine kurz, Kontrolle behalten – so, wie man es halt macht. Und es hat funktioniert. Aber irgendetwas daran fühlte sich für mich nie ganz richtig an. Nicht falsch. Aber unvollständig. Ich sah diese Klassiker: Hunde, die ihrem Menschen am Fuss klebten, aber trotzdem wirkten, als stünden sie innerlich unter Strom. Malinois, Schäferhunde, perfekt positioniert – und doch irgendwie angespannt. Und dann gab es die anderen: Hunde, die an der Leine zogen, als wären sie Schlittenhunde, während der Mensch hinten dran immer wieder «Fuss, Fuss, bei Fuss» murmelte. Das war für mich eine Horrorvorstellung. Ich wollte keinen Hund, der nur funktioniert. Ich wollte einen Hund, der versteht. Also begann ich früh, Dinge auszuprobieren. Nicht irgendwann im sicheren Wald. Nicht erst auf einer Wiese ohne Ablenkung. Sondern mitten in der Stadt. Der erste wirkliche Moment war an der Tramhaltestelle Tüffenwies in der Grünau, Zürich-Altstetten. Ein belebter Knotenpunkt. Menschen, Velos, Autos, Trams. Nicht gerade der Ort, an dem ein vernünftiger Mensch denkt: «Perfekt, hier testen wir mal Vertrauen.» Aber vielleicht war genau das der Punkt. Leilani war ungefähr fünf Monate alt. Wir waren auf dem Weg an die Limmat, zu unserem Walk. Ich hielt die Leine in der Hand und spürte dieses kleine Gewicht, das einem Sicherheit vorgaukelt. Dann liess ich sie fallen. Nicht fahrlässig. Natürlich lag sie in Trittweite. Ich hätte jederzeit draufstehen können, falls Madame plötzlich beschlossen hätte, Usain Bolt zu werden. Und ja, ich wusste sehr genau, dass sie sprinten konnte. In meinem Kopf lief sofort alles gleichzeitig ab: Herzklopfen, Alarm, Stress, Freude – und diese komplett übertriebene Liebe, die man nur versteht, wenn ein kleiner Hund dich mit grossen Augen anschaut. Denn genau das tat sie. Sie rannte nicht los. Sie zog nicht weg. Sie blieb stehen und sah mich an. Dieser Hundeblick. Offen. Fragend. Als würde sie sagen: «Und jetzt?» Ich dachte: Oh Gott, jetzt bewegt sie sich. Jetzt rennt sie. Jetzt war das die dümmste Idee meines Lebens. Aber sie blieb. Nicht perfekt. Nicht militärisch. Nicht wie aus einem Lehrbuch. Aber bewusst. Und genau das war der Unterschied. Von da an wurde Vertrauen bei uns kein romantisches Wort mehr. Es wurde Arbeit. Kleine Entscheidungen. Viele Wiederholungen. Ich belohnte jedes freiwillige Bei-mir-Bleiben. Jeden Blick zurück. Jedes Zurückkommen aus eigenem Antrieb. Mein Markerwort war früh «Yes» – weil ein Hund ja nicht irgendwann hundert Kilo wiegen soll, nur weil man alles mit Leckerli löst. «Fuss» konnten wir natürlich. Links neben mir, sauber an der Fusslinie. Heute noch. Nur eben ohne Leine. Ich nutze es an engen Stellen, am Hauptbahnhof oder wenn es wirklich sortiert sein muss. Aber die meiste Zeit leben wir in unserem «Da bleiben»-Modus. Das war meine eigene Idee. Kein starres Fusslaufen, kein Kilometer voraus, sondern ein Radius um mich herum. Am Anfang war es etwa die Länge der Leine. Trat sie darüber hinaus, stand ich auf die Leine und sagte: «Da bleiben.» Später brauchte es die Leine nicht mehr. So entstand ein stilles Verständnis. Sie darf sich frei bewegen. Aber sie bleibt verbunden. Die Stadt war dafür kein schlechter Lehrer. Im Gegenteil. Zürich war laut, eng, unberechenbar. Menschen, die aufs Handy starrten und alles übersahen, was ihnen vor die Füsse lief. Velofahrer, die glaubten, sie seien auf Qualifying-Runde. Touristen beim Grossmünster, Blick nach oben, Kamera in der Hand, null Bewusstsein für das kleine Wesen am Boden. Und Leilani? Sie schlängelte sich durch. Durch Menschen, durch Gassen, durchs Niederdorf. Wenn ich stehen blieb, kam sie zu mir. Nicht, weil sie musste. Sondern weil sie gelernt hatte: Bei mir ist Orientierung. Kilchberg kam später. Und mit Kilchberg wurde vieles einfacher. Weniger Verkehr. Mehr Weite. Mehr Raum für Fehler – und für Vertrauen. Unsere Kreuzstrasse ist zwar auch nicht gerade ein Zen-Garten. Linienbusse, Autos, Kinder auf Trottis und Velos den Berg runter. Aber im Vergleich zur Stadt gab es plötzlich Luft zwischen den Momenten. Heute laufen wir immer ohne Leine. Nicht, weil ich denke, dass Regeln nicht gelten. Sondern weil wir unseren Weg gefunden haben. Die Leine hängt immer locker um meinen Hals. Eher Accessoire als Werkzeug. Immer farblich abgestimmt auf Leilanis Halsband, das sie übrigens genauso wenig braucht. Wir tragen es trotzdem. Nicht aus Notwendigkeit, sondern weil es schön ist. In Teamfarben natürlich. Haute Couture Hundevater, wenn man so will. Was sich verändert hat, ist nicht nur ihr Verhalten. Es ist unsere Beziehung. Leilani bleibt nicht, weil sie muss. Sie bleibt, weil sie will. Weil sie weiss, dass ich da bin. Und weil es sich lohnt, bei mir zu bleiben. Gerade draussen merkt man, wie wichtig das ist. In den Bergen geht es irgendwann nicht mehr um Kommandos. Dort zählen Aufmerksamkeit, Ruhe und Vertrauen. Auf dem Stoos, oben am Fronalpstock, auf dem Gratwanderweg, mit Abgrund auf beiden Seiten, wurde mir das wieder klar. Die Stadt ist berechenbar. Es gibt Bordsteine, Geländer, Ampeln. Auf einem Berg gibt es Steine, Tiefe, Wind – und Schritte, die sitzen müssen. Leilani lief dort nicht wie ein kleiner Hund, der keine Ahnung hat, wo er ist. Sie lief vorsichtig. Überlegt. Als würde sie jeden Schritt prüfen. Keine Hektik. Kein Zappeln. Kein Grössenwahn. Nur Konzentration. Einzig ihre Tunnelsucht – dazu komme ich später noch. Sagen wir so: Wenn irgendwo ein Wasserkanal aussieht wie eine Röhre, sieht Leilani kein Abflussrohr. Sie sieht ein Hindernis, das dringend absolviert werden muss. Und ja, bevor jetzt jemand innerlich schon die Leinenpflicht-Keule auspackt: Regeln gelten. Auch für Menschen mit schöner Leine um den Hals. Gerade im Wald, bei Wild, in Schutzgebieten oder während sensibler Zeiten geht es nicht um persönliche Freiheit, sondern um Rücksicht. Vielleicht ist genau das der Punkt: Freiheit ist kein Freipass. Die Leine bleibt Schmuck. Die Verantwortung nicht. Und manchmal beginnt Vertrauen genau in dem Moment, in dem man den Mut hat, loszulassen. Zu dieser Kolumne <p class="ql-align-justify"><span style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">Dies ist die zweite Kolumne über Benny Reinholds Leben mit Leilani. In </span><a href="/artikel/wie-ein-kleiner-hund-mich-nach-kilchberg-gebracht-hat" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">seinem ersten Text </a>erzählte er, wie ihn Leilani nach Kilchberg gebracht hat. <span style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">Reinhold ist Autor, Trauredner und Unternehmer. Neben seiner Tätigkeit als Trauredner führt er ein </span><a href="https://reinholds.ch/" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">Dogsitting-Unternehmen und entwickelt unter eigener Marke natürliche Hundeleckerli</a><span style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;"> – reduziert auf das Wesentliche, ohne Kompromisse.</span></p><p class="ql-align-justify"><span style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">Als Kursleiter des Projekts «Kids meet Dogs» setzt er sich dafür ein, Kindern einen respektvollen und sicheren Umgang mit Hunden zu vermitteln. Auch lokal ist er engagiert – als Vorstandsmitglied der Unternehmervereinigung Kilchberg.</span></p><p class="ql-align-justify"><span style="color: rgb(36, 36, 36); background-color: transparent;">Gemeinsam mit seiner Hündin Leilani war er unter anderem in der Fernsehsendung «Top Dog Germany» zu sehen. Für Reinhold ist sie jedoch weniger Show als vielmehr Spiegel – und Ausgangspunkt für Geschichten, die irgendwo zwischen Hund, Mensch und Leben entstehen.</span></p>