Ich war Stadt. Kreis 9, Kreis 10, Grünau. Zwischen der Limmat, der Werdinsel und diesem konstanten Grundrauschen aus Verkehr, Stimmen und Tempo. Ich habe mich dort wohlgefühlt. Es war direkt, lebendig und ehrlich. Und lange Zeit war genau das mein Rhythmus. Dann kam Leilani. Als ich sie das erste Mal sah, war sie nicht grösser als eine Handfläche. Warm, wach, mit diesem weissen Fleck auf der Brust, der aussah wie ein Herz – nicht kitschig, sondern präzise. Sie lief nicht zögerlich auf mich zu. Sie kam einfach, kletterte auf meinen Schoss, machte es sich bequem, seufzte zufrieden – und pinkelte mir aufs T-Shirt. Die Züchterin erstarrte. Ich lachte. Und in diesem Moment war klar: Das ist sie. Was ich damals nicht wusste: Dass dieser kleine Hund nicht einfach in mein Leben kommt, sondern es umbaut. Leilani hatte nie ein Problem mit der Stadt. Keine Angst vor Lärm, keine Unsicherheit bei Menschen, keine Scheu vor grossen Autos. Im Gegenteil – manchmal dachte ich, ein bisschen mehr Respekt würde ihr guttun. Aber genau das war unser Ansatz: Die Welt kennenlernen, bevor sie zum Problem wird. Früh raus. Viel sehen. Viel erleben. Geräusche, Bewegungen, Menschen, Situationen. Nicht, um sie abzuhärten – sondern um ihr zu zeigen: Die Welt ist nicht böse. Und genau deshalb wurde sie so, wie sie heute ist: ruhig, klar, selbstbewusst. Während sie immer besser mit der Stadt zurechtkam, merkte ich, dass sich bei mir etwas verschiebt. Nicht plötzlich, nicht dramatisch – sondern leise. Ein bisschen mehr draussen als drinnen. Ein bisschen mehr Natur als Beton. Ein bisschen mehr Ruhe zwischen den Dingen.Und irgendwann stand ich da und wusste: Es passt nicht mehr ganz. Nicht, weil die Stadt falsch ist. Sondern weil wir uns verändert hatten. Kilchberg war keine Entscheidung. Es war ein Gefühl. Mehr Grün. Mehr Luft. Mehr Raum. Kein Ort, der sich aufdrängt, kein grosses «Wow». Und doch hatte Kilchberg irgendwo zwischen See, Wiesen und diesem einen Moment plötzlich einen Duft: Heimkommen. Vielleicht ist es der Duft aus der Schoggifabrik. Und ja – ich hasse Schokolade. Aber trotzdem riecht Kilchberg für mich genau danach. Mit diesem Gefühl veränderten sich auch unsere Spaziergänge. Es waren keine Strecken mehr. Es wurden Orte. Und genau dort begann etwas, das ich heute den «Jööö-Effekt» nenne. Du gehst durch Kilchberg. Ein kleiner Hund neben dir. Und es dauert keine drei Sekunden: «Jöööööö!» Menschen bleiben stehen, lächeln, kommen näher – und oft, viel zu oft, greifen sie einfach zu. Am Anfang fand ich das schön. Weil es zeigt, was Hunde auslösen können: Nähe, Freude, Verbindung. Leilani war ein Magnet. Und ja, das gab es auch in der Stadt. Aber hier fühlte es sich näher an. Direkter. Ich war stolz, dass mein Hund so viel Positives in Menschen auslöst. Was ich damals nicht verstand: Wir trainierten gerade etwas. Unbewusst. Konsequent. Und sehr effektiv. «Jööö» bedeutete Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit bedeutete Streicheln. Und Streicheln bedeutete: hingehen lohnt sich. Nach ein paar Wochen dachte Leilani, sie heisst «Jööö». Jedes «Jööö» wurde für sie zum Signal: los, hin, Belohnung abholen. Streicheln, knuddeln, Nähe. Und genau da beginnt ein Problem, das viele Hunde ihr Leben lang begleitet. Denn ein Welpe, der lernt, dass alle Menschen immer freundlich sind, wird später ein Hund, der zu allen Menschen geht. Ich sehe das oft. Auch bei grösseren Hunden. Distanzlos. Ungefiltert. Gut gemeint – aber problematisch. Ein kleiner Hund wird vielleicht noch belächelt. Ein grosser kann überfordern, umwerfen, verunsichern. Und vor allem: Nicht jeder Mensch möchte Kontakt. Das Problem ist nur: Der Hund kann das nicht entscheiden. Er hat gelernt, dass Nähe immer richtig ist. Also begann ich umzudenken. Ich fing an, Situationen zu führen. Abstand zu halten. Kontakte bewusst zu steuern. Und ja – ich musste «Jööö» wieder abtrainieren. Dabei merkte ich schnell: Grenzen setzen fühlt sich am Anfang unhöflich an. Aber es ist das Gegenteil. Es ist Verantwortung. Heute lernen Kinder in meinen Kursen zuerst eine einfache Regel: Immer den Besitzer fragen, bevor man einen Hund anfasst. Vielleicht sollten wir das auch den Erwachsenen wieder beibringen. Heute gehen wir immer noch durch Kilchberg. Immer noch kommt ein «Jööö». Aber heute bleibt Leilani bei mir. Nicht, weil sie muss – sondern weil sie weiss, dass ich entscheide. Und genau da habe ich verstanden: Ein Hund verändert nicht nur deinen Alltag. Er verändert, wie du dich in der Welt bewegst. Und manchmal führt dich genau das an einen Ort, der nie geplant war – aber genau richtig ist. Zu dieser Kolumne <p class="ql-align-justify"><span style="background-color: transparent; color: rgb(36, 36, 36);">Reinhold ist Autor, Trauredner und Unternehmer. In seinen Texten verbindet er persönliche Erfahrungen mit einem klaren, beobachtenden Blick auf das, was im Alltag oft übersehen wird. Neben seiner Tätigkeit als Trauredner führt er ein </span><a href="https://reinholds.ch/" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="background-color: transparent; color: rgb(36, 36, 36);">Dogsitting-Unternehmen und entwickelt unter eigener Marke natürliche Hundeleckerli</a><span style="background-color: transparent; color: rgb(36, 36, 36);"> – reduziert auf das Wesentliche, ohne Kompromisse.</span></p><p class="ql-align-justify"><span style="background-color: transparent; color: rgb(36, 36, 36);">Als Kursleiter des Projekts «Kids meet Dogs» setzt er sich dafür ein, Kindern einen respektvollen und sicheren Umgang mit Hunden zu vermitteln. Auch lokal ist er engagiert – als Vorstandsmitglied der Unternehmervereinigung Kilchberg.</span></p><p class="ql-align-justify"><span style="background-color: transparent; color: rgb(36, 36, 36);">Gemeinsam mit seiner Hündin Leilani war er unter anderem in der Fernsehsendung «Top Dog Germany» zu sehen. Für Reinhold ist sie jedoch weniger Show als vielmehr Spiegel – und Ausgangspunkt für Geschichten, die irgendwo zwischen Hund, Mensch und Leben entstehen.</span></p>