Ich bin Trauredner. Aber nicht im Sinne von: «Hier sind vier Standardthemen, sucht euch eins aus, ich tausche dann noch eure Namen aus und lese es mit bedeutungsvoller Stirnfalte vor.» Ich bin eher für Trauungen, die wirklich nach dem Paar klingen. Manchmal wird gelacht, bevor geweint wird. Und manchmal bringt ein Hund die Ringe. Genauer gesagt: Leilani. Sie hat bei manchen Trauungen einen Job. Einen kleinen, sehr kurzen. Eigentlich besteht er aus ungefähr zehn bis zwanzig Metern Rückruf. Sie wartet. Ich rufe. Sie kommt. Auf ihrem Rücken liegt ein kleines Ringkissen. Danach gibt es Lob, Nähe, Känguru-Bits und Feierabend. Klingt simpel. Ist es eigentlich auch. Ausser man beschreibt es für eine Bewilligung.Dann wird aus «Leilani kommt zu mir» plötzlich eine kontrollierte, stressarme, positiv aufgebaute Bewegungssequenz in einem reizreduzierten Zeremonienumfeld mit vertrauter Bezugsperson, klar definiertem Start- und Zielpunkt, kurzer Expositionsdauer, anschliessender sozialer Bestätigung, artspezifisch angemessener Belohnung und geplanter Ruhephase. Oder, wie normale Menschen sagen würden: Der Hund läuft zu mir und macht Pause. Bevor jetzt jemand denkt, ich mache mich über Tierschutz lustig: Nein. Im Gegenteil. Ich finde es richtig, dass Tiere nicht einfach als Requisiten eingesetzt werden. Darum finde ich den Grundgedanken richtig: Wenn ein Hund professionell eingesetzt wird, muss man hinschauen. Vor allem: Darf der Hund auch einfach nicht mitmachen? Bei Leilani ist die Antwort klar. Wenn sie nicht möchte, macht sie es nicht. Punkt. Kein Ring der Welt ist wichtiger als mein Hund. Leilani kennt die Aufgabe, mich und den Ablauf. Sie wird nicht herumgereicht, nicht verkleidet und nicht in eine Situation gedrückt, aus der sie nicht mehr herauskommt. Sie bringt manchmal Ringe. Aber sie muss gar nichts. Und genau da beginnt für mich der eigentliche Widerspruch. Was mich irritiert, ist nicht, dass bei professionellen Einsätzen genau hingeschaut wird. Was mich irritiert, ist, wie wenig oft hingeschaut wird, sobald etwas privat passiert. Denn privat scheint für Hunde manchmal eine Art rechtsfreier Glitzerraum zu sein. Da werden Hunde auf Hochzeiten, Geburtstage, Stadtfeste, Weihnachtsmärkte, Apéros und in Restaurants geschleppt, in denen schon der Kellner nervöser atmet als der Hund. Und genau das ist der Punkt: Ein überforderter Hund auf einer Hochzeit ist nicht automatisch geschützt, nur weil die Besitzer sagen: «Der ist Familie.» Und ich glaube sogar: Die meisten meinen es nicht böse. Nähe fühlt sich für den Hund manchmal nach Überforderung an. Familie zu sein bedeutet nicht, überall mitgeschleppt zu werden. Nur weil ein Hund anwesend ist, heisst das nicht, dass er einverstanden ist. Nur weil er nicht bellt oder sich nicht wehrt, heisst das nicht, dass er entspannt ist. Viele Hunde sind höflich, halten aus und funktionieren. Und genau deshalb übersehen Menschen oft, wie viel sie ihnen zumuten. Ein Hund, der still leidet, macht weniger Arbeit als einer, der protestiert. Bei Leilani achte ich genau darauf. Nicht, weil sie zerbrechlich ist. Wer Leilani kennt, weiss: Diese kleine Dame hat mehr Meinung als mancher Gemeinderat. Aber gerade deshalb nehme ich sie ernst. Wenn sie Ringe bringt, ist der Moment kurz, planbar und überschaubar. Sie weiss, wo sie hin soll. Sie weiss, dass danach Schluss ist. Keine Fotosession mit allen Gästen. Sie macht ihren Mini-Auftritt, bekommt ihre Bestätigung und darf wieder Hund sein. <span style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">Dies ist die vierte Kolumne über Benny Reinholds Leben mit Leilani (seine früheren Kolumnen finden Sie hier: </span><a href="/artikel/wie-ein-kleiner-hund-mich-nach-kilchberg-gebracht-hat" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">erste Kolumne</a><span style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">, </span><a href="/artikel/der-moment-in-dem-ich-die-leine-fallen-liess" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">zweite Kolumn</a><span style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">e, </span><a href="/artikel/die-leine-ist-nicht-das-problem" rel="noopener noreferrer" target="_blank" style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">dritte Kolumne</a><span style="background-color: rgb(255, 255, 255); color: rgb(10, 121, 189);">). </span>